Niels Christian Hvidt

 

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Der Grenzgänger im Wunderland

by Richter, Stephan

Als Kind ging Niels Christian Hvidt in Kopenhagen sonntags oft mit den Eltern und der jüngeren Schwester zur Kirche. In den Ferien fuhr er dann gern zur Familie seiner deutschen Mutter nach Flensburg. Hier besuchte er seinen Großvater Hans-Adolf Blanke-Roeser, einen Zahnarzt, in dessen Praxis oder genoss das Leben auf dem Lande in Dollerupholz an der Förde oder auf der Insel Sylt. Das waren die 70er Jahre.
Der Kindheit fogte das „süße Leben in Rungstedt“, wie der Theologe heute sagt und lacht. Der Glaube habe ihn plötzlich überhaupt nicht mehr interessiert, und in die Kirche sei er auch nicht mehr gegangen. Viel lieber nutzte er die Wochenenden zum Windsurfen. Außerdem betrieb er mit drei Freunden eine rollende Diskothek. „Steps Ahead“, nannte sich das Diskjockey-Quartett: Schritte nach vorn.
Zwei Jahre vor dem Abitur in dem Kopenhagener Nobel-Vorort entdeckte der Grenzgänger eine neue Seite des Lebens. „In dieser Zeit fing das Fragen in mir an“, erinnert er sich. Es war ihm peinlich, mit seinen Schulkameraden und Freunden darüber zu reden. So war er „hin und hergerissen zwischen den Welten“ und wieder ein Grenzgänger.
Die Leistungsfächer des Abiturienten waren Mathematik und Physik, die Noten - wie auch alle späteren akademischen Abschlüsse - glänzend. Die naturwissenschaftliche Karriere des 19-Jährigen – der Vater ist renommierter Rechtsanwalt, die Mutter Lehrerin - schien klar. Doch die Antworten auf die „Fragen des Lebens“ ließen sich nicht mit Formeln berechnen. So entschied Hvidt 1988 nach der Schule und einem fünfmonatigen Aufenthalt in Kenia und Südafrika mit mathematischer Logik: „Wenn es einen Gott gibt, dann kannst du nur gewinnen, wenn du anfängst zu beten. Gibt es ihn nicht, wirst du es schon schnell genug merken, und die Sache erledigt sich von selbst.“
Sie erledigte sich nicht von selbst. Der Protestant begann ein Theologie-Studium an der Kopenhagener Universität. Nein, er wollte nicht Pastor werden. Aber das Lesen der Bibel faszinierte ihn. Nach zwei Semestern reiste er 1990 für drei Monate zur griechischen Insel Patmos, wo Johannes der Seher die Apokalypse geschrieben hat. Der Student aus Kopenhagen lernte hier die griechisch-orthodoxe Vassula Rydén kennen. Die Frau eines hohen Diplomaten wird von vielen Theologen, Priestern und Bischöfen der katholischen Kirche als prophetische Gestalt der Gegenwart betrachtet, auch wenn ihre Botschaften, wie frühere prophetische Botschaften, weiterhin Diskussionen erzeugen. Noch im selben Jahr konvertierte er zum katholischen Glauben. Zwischen protestantischer Erziehung und den griechisch-orthodoxen Mönchen auf Patmos fand der Grenzgänger, wie er sagt, hier die richtige kirchliche Heimat. (Hier bitte eine kurze Begründung in Zitatform, warum die katholische Kirche ausgewählt wurde.)
Weder seine protestantischen Professoren in Kopenhagen brachen den Stab über ihn noch seine protestantischen Eltern. „Sie lebten ebenso wie enge Freunde von ihnen, die Baptisten sind, die Ökumene vor“, ist Niels Christian Hvidt dem Elternhaus dankbar. Immerhin gab es in der Familie ein Vorbild: Sein dänischer Großvater Waldemar, einst einer der angesehensten Rechtsanwälte des Landes, wechselte mit 60 Jahren ebenfalls vom evangelischen zum katholischen Glauben. Aber das war vor seiner Zeit.
Der angehende Theologe blieb Grenzgänger. Als erster Katholik promovierte und habilitierte er sich im protestantischen Kopenhagen an der dortigen Universität. Die 300-seitige Dissertation über Prophetie und Offenbarung fiel dabei so glänzend aus, dass Dänemarks Königin Margrethe II. ihm persönlich eine Goldmedaille der Hochschule überreichte.
Ein Wunder war das für Hvidt, dessen Mutter ihm Deutsch beibrachte und der heute zehn Sprachen spricht oder zumindest lesen und schreiben kann, nicht. Wohl aber lassen ihm die Themen Wunder, christliche Prophetie und Offenbarungen keine Ruhe mehr. Er studierte weiter an der katholischen Gregorianischen Universität in Rom, am Institut für Orient-Studien des Vatikans und an der amerikanischen Harvard-Universität und legte zusätzliche Diplome ab. Nein, er wollte beweisen, dass der „Glaube an Wunder nicht eine Billig-Spiritualität für Arme und Naive“ sei.
Der Ausnahme-Theologe sitzt heute an der Vatikan-Universität, hatte bereits mehrere Begegnungen mit dem Papst und passt mit seinen 33 Jahren, mit seinem jugendlichen Aussehen und seiner offenen, unkomplizierten Art so gar nicht zum landläufigen Bild eines Menschen, der sich mit Wundern und Propheten befasst. Ein Spinner? Nein, Hvidts Reputation als Wissenschaftler steht außer Frage. Trotz seiner jungen Jahre hat er in Fachkreisen bereits Aufsehen erregende Publikationen veröffentlicht und sitzt in internationalen Komitees. Christliche Offenbarungen, sagt der Grenzgänger, haben nichts mit Wahrsagerei zu tun, sondern seien „eine Frage der rationalen Erkenntnis“.
Sogar der dänische Pharmakonzern H. Lundbeck, der unter anderem Medikamente gegen die Alzheimer-Krankheit und Antidepressiva produziert, mag sich der wissenschaftlichen Arbeit von Niels Christian Hvidt nicht verschließen. Das Unternehmen finanziert ein dreijähriges Forschungsprojekt unter dem Titel „Medizinische Wunder und Theologie“, das der Däne an der Gregorianischen Universität betreut. Um den Kontakt zu den Studenten nicht zu verlieren, gibt er noch einige Vorlesungen pro Semester. Aber ansonsten hat er sich ganz der Frage verschrieben, wo Heilungsprozesse und Krankheitsverläufe nicht mehr naturwissenschaftlich zu erklären sind und wohl von Wundern die Rede sein müsse.
Ende der 90er Jahre machte in Dänemark sein Buch „Wunder – Begegnungen zwischen Himmel und Erde“ Schlagzeilen. Aber dieses Werk und sein Glaube hindern ihn nicht, notfalls seine zwei Jahre jüngere Schwester in Kopenhagen anzurufen. Die hat Medizin studiert und für manche Diagnose womöglich ganz weltliche Erklärungen.
Doch das erschüttert die Gottesgläubigkeit des Theologen, der Forscher bleiben und eines Tages eine Familie gründen will, keineswegs. Längst hätten auch Ärzte erkannt, dass es Dinge gibt, die nicht mit medizinisch-naturwissenschaftlichem Wissen zu erklären seien.
Und als Hvidt spätestens hier die Zweifel in der Stimme seines Gesprächspartners hört, erzählt er ein Beispiel. Im amerikanischen San Francisco seien 1988 und 1999 zwei große medizinische Tests gelaufen. Im ersten habe man 393, im zweiten 1000 Herzpatienten ausgesucht und diese in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Patienten wussten nichts voneinander und erst rechts nichts von Menschen andernorts, die gebeten worden waren, für eine der beiden Gruppen zu beten. Über ein Jahr sei der Krankheitsverlauf der Herzpatienten verfolgt worden. Dabei habe sich herausgestellt, dass Patienten aus der Gruppe, für die gebetet wurde, einen wesentlich besseren Krankheitsverlauf gehabt hätten als die Mitglieder der anderen Gruppe.
„Es existieren mehrere Erklärungsmodelle hierfür, und meine Aufgabe wird es während der nächsten drei Jahren sein diese vorzulegen“, sagt Hvidt. Regelmäßig schaut er an den Stätten der Kindheit in Dollerupholz, auf der Insel Sylt und in Flensburg vorbei, wo noch seine Tante Renate Stoessel wohnt. Oder er besucht seine Eltern Urte und Torsten in der Kopenhagener Vorstadt Nivaa. Die werden sich heute wundern, wenn er plötzlich vor der Tür steht. Aber das hat ganz irdische Gründe und ist ein Geheimnis, das er im Interview verrät.
---------------------------------------- Herr Hvidt, glauben Sie an Wunder?

Ja, ich glaube, dass es sie gibt.

Und was sagen Sie Lesern, die jetzt zu schmunzeln beginnen?

Schmunzeln ist in Ordnung. Nur Lachen sollte man nie über den Glauben anderer. Im übrigen habe ich die besseren Karten: Es gibt in der Kirchengeschichte so viele Ereignisse, die auf ein göttliches Eingreifen in unsere Welt hinweisen.

Mit Verlaub: Ist das nicht Ansichtssache oder eine Frage des Glaubens?

Eben nicht. Es gibt immer wieder seriöse Untersuchungen, die bestätigen, dass bestimmte Phänomene nicht naturwissenschaftlich erklärbar sind.

Welches ist denn Ihr Lieblingswunder?

(lacht) Welches wollen Sie hören?

Das Schönste.

Alle sind schön. In meinem Buch „Wunder“ schildere ich Beobachtungen, die ich auf vielen meinen Reisen gemacht habe. Da gibt es überall Ereignisse, die Menschen tief bewegt haben, die ihnen unheimlich viel bedeuten, die sie ganz persönlich und ihren Glauben bereichert haben.

Könnten Sie nicht doch ein Beispiel nennen?

Ein Wunder, das man sehen kann, ist das Wunder des heiligen Lichtes in Jerusalem. Seit 1200 Jahren passiert es zu Ostern, dass die Kerzen des Patriarchen im Grab Jesu ohne menschliche Hilfe entzündet werden. Und jedes Jahr berichten Menschen an anderen Orten der Erde, dass Kerzen in ihrer Nähe zum selben Zeitpunkt ebenfalls zu brennen begannen.

Dafür gibt es keine rationale Erklärung?

Die haben viele gesucht. Aber es gibt sie nicht.

Vielleicht fragen wir den Magier David Copperfield?

Dann müsste das schon sehr gut inszeniert sein. Stellen Sie sich eine Mogelei vor, die über 1200 Jahren nicht auffliegt. (lacht) Wenigstens Ihr Journalisten hättet es aufdecken müssen, wenn der Patriarch schummelt.

Wie unterscheiden Sie zwischen Wundern und Scharlatanerie?

Der größte Feind der Wunder sind die falschen Wunder. Deswegen muss die Kirche auch unheimlich vorsichtig sein, wenn sie von Wundern und insbesondere von Prophezeiungen spricht. Das sind Geschehnisse, die viel Interesse hervorrufen und eine große Kraft entfalten. Deswegen werden sie leicht von Trittbrettfahrern missbraucht.

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen von einem Wunder berichtet wird?

Prinzipiell mit Skepsis. Aber ich reagiere nie ironisch oder zynisch.

Und wie trennen Sie die Spreu vom Weizen?

Meistens kann man mit naturwissenschaftlichen Mitteln untersuchen, ob es eine Erklärung für das Phänomen gibt. Bei Prophetien ist das anders. Sie beruhen zunächst nur auf dem Zeugnis der Person selbst. Aber oft erkennt man die Wahrheit an den Früchten dessen, was gesagt worden ist.

Gibt es Wunder nur im Christentum oder auch in anderen Weltreligionen?

Eine interessante Frage. Es ist ein Grundzug aller Religionen, die einen Gottesglauben haben, dass ihr Gott auch in diese Welt hineingreifen kann. Denn wenn er dies nicht könnte, hätten wir auch keine Chance, überhaupt etwas von ihm zu wissen. Das ist so etwas wie ein physikalisches Gesetz des Glaubens.

Das sehen viele Menschen ganz anders. An Gott mögen sie glauben, an Wunder nicht. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Sie liegt in unserer Geschichte, konkret in der Aufklärung begründet. Wir betrachten uns als Vernunftmenschen. Der große Philosoph und Mathematiker Bertram Russell hat einmal sehr richtig gesagt, dass Menschen zu allen Zeiten stets glaubten, mit wenigen Grundsätzen das ganze riesige Universum erklären zu können, von dem wir nur ein winziges Teil sind. Heute, so Russell, seien es die Naturwissenschaftler, die meinen, alles erklären zu können. Ein derartiges positivistisches Weltbild kann genauso dogmatisch sein wie ein rein religiöses Weltbild – und übrigens genauso diskriminierend.

Wenn nicht Gott, dann greift der Mensch in die Schöpfung ein. Im nächsten Jahr soll das erste geklonte Baby zur Welt kommen. Ein Wunder?

Keineswegs. Vielmehr etwas, was mir Angst macht, obwohl ich ein sehr zuversichtlicher Mensch bin.

Muss 2002 Jahre nach Christi Geburt die Schöpfungsgeschichte neu geschrieben werden?

Jedenfalls wird sie hier sehr herausgefordert. Noch mehr als ohnehin schon könnte der Mensch glauben, er habe alles selbst in der Hand. Ein großer Irrtum. Der Schöpfergedanke ist schon deshalb wichtig, weil er bei uns Menschen eine gewisse Demut erzeugt und uns zeigt, dass wir selbst schwach sind. Egal, ob man gläubig ist oder nicht: Diese Grundeinstellung tut dem Zusammenleben der Menschen gut. Wir dürfen sie nicht aufgeben.

Wo und mit wem möchten Sie gerne Heilig Abend verbringen?

Mit meinen Eltern, meiner Schwester und ihrem Mann und deren beiden kleinen Kindern in Kopenhagen.

Und wo feiern Sie Weihnachten tatsächlich? Im Vatikan?

Oh je, jetzt muss ich die Weihnachtsüberraschung verraten. Ich hoffe nur, dass keiner Ihrer Leser meine Eltern anruft und etwas erzählt. Die Eltern wissen nämlich, dass ich noch am 23. Dezember hier in Rom einen großen Vortrag halten muss. Also hatten sie Verständnis, als ich sagte, dass es eine zu große Hetzerei wird und ich deswegen nicht nach Kopenhagen komme. Tatsächlich aber habe ich für den 24. Dezember früh einen Flug gebucht – und mittags stehe ich bei meinen Eltern vor der Tür.

Ein Wunder?

(lacht) Nein, eine Frage moderner Verkehrsmittel.

Ihre Eltern sind Protestanten, ihre Freunde Baptisten, Sie sind Katholik. In welche Kirche gehen Sie zu Weichnachten?

Mit meinen Eltern nachmittags in die evangelische und um Mitternacht mit meiner Großmutter in die katholische.

Werden Sie noch erleben, dass die christlichen Kirchen ihre Trennung überwinden?

Ich glaube ja. Es wird kommen wie der Fall der Mauer. Da bin sich sogar ziemlich sicher.

Das wäre dann wieder ein Wunder.

Na ja, bisschen müssen auch wir Menschen dazu beitragen.

Frohe Weihnachten, Herr Hvidt.

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